Was war die Geburtsstunde von tensorscope?
Im Frühjahr 2016 leitete ich eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe in der vegetativen Physiologie der Universitätsmedizin Göttingen und war Geschäftsführer der PortaCellTec Biosciences GmbH. In dieser Zeit absolvierte Zacharias Böhler, ein IT-Experte, ein zweiwöchiges Praktikum bei mir im Labor.
Bereits am ersten Tag wunderte er sich darüber, dass Kolleginnen und Kollegen mit Handzählern an Mikroskopen saßen, um Zellen zu zählen. Für ihn war sofort klar: Das geht auch anders. Wahrscheinlich war es seine fachfremde Perspektive, die ihn unmittelbar in Lösungen denken ließ. Künstliche Intelligenz und Bildanalyse zu verbinden, erschien ihm als naheliegender Weg, den Prozess schneller und präziser zu gestalten.
Das war die Geburtsstunde der Idee, eine Software zur Zählung von Zellen unter dem Mikroskop zu entwickeln.
Wie ging es weiter?
Mitarbeitende der PortaCellTec erstellten Mikroskopaufnahmen von Zellen, während Zacharias an einer passenden Analyse-Software arbeitete. Ein frühes Konzept nutzte eine am Okular befestigte Smartphone-Kamera und eine Android-App. Adapter für die Okulare entstanden im 3D-Druck.
Das Konzept erwies sich in der Praxis als ungeeignet und wurde verworfen. Viele weitere Ansätze folgten. Am Ende waren Okularkameras die beste Lösung. Die Zählung von Human Embryonal Kidney Cells blieb als Analyseart bei PortaCellTec Biosciences und in der Klinischen Pharmakologie der Universitätsmedizin Göttingen im Einsatz.

Der erste Preis
2017 gewann unsere KI zur Zellzählung beim Münchener Startup Weekend den ersten Preis. Mit der Auszeichnung war ein Arbeitsplatz verbunden, sodass wir mit der Firmengründung zunächst ein Büro in der Maximilianstraße bezogen.
Etwa zur gleichen Zeit nahm der Südniedersachsen-Innovations-Campus in Göttingen seine Arbeit auf. PortaCellTec, unser erster Kunde, saß in Göttingen; hinzu kamen gute Kontakte zur Universität und zu Laboren. Wir bewarben uns erfolgreich für das Accelerator-Programm und zogen nach Göttingen.
Nach einer zunächst eigenfinanzierten Phase folgte ein Seed-Investment privater Investoren. Mit Unterstützung des SNIC entstand ein tragfähiges Geschäftsmodell. Als Lead-Investor einer Series-A-Finanzierung konnte die NBank Capital Beteiligungsgesellschaft gewonnen werden; die Verträge wurden im März 2020 unterzeichnet.
Warum der Fokus auf Spermiogramme?
Bei der Recherche fiel auf, dass Spermiogramme besonders zeitaufwendig sind und viel Erfahrung benötigen. Obwohl Richtlinien der Bundesärztekammer und der WHO die Erstellung beschreiben, unterschieden sich Methode und Qualität der Analysen.
Die Möglichkeit, mit unserer Technologie zu Qualität und Vergleichbarkeit beizutragen, führte zur Entwicklung einer Software für die automatische Analyse von Ejakulatproben. Die Arbeiten erfolgten in enger Zusammenarbeit mit Universitäten, Laboren, Urologie, Andrologie und Reproduktionsmedizin sowie unter Berücksichtigung der Qualitätssicherungsrichtlinien der Spermatologie. Zusätzlich berieten Barbara Hellenkemper und Prof. Dr. Eberhard Nieschlag das Team.
Vom Projektnamen zur Marke
Der frühere Firmenname „img.ai“ führte häufig zu Fragen bei Aussprache und Schreibweise und wirkte eher wie ein Projektname. „tensorscope“ verband die mathematische Welt der Tensoren mit der Perspektive durch das Mikroskop und wurde zur klareren Unternehmensmarke.
Was ist die Vision von tensorscope?
Meine Vision ist, mikroskopbasierte bildgebende Verfahren in Wissenschaft und Diagnostik mit spezifischer KI effizienter und zuverlässiger zu machen – weltweit.
Damit sollte tensorscope einen Beitrag zur Digitalisierung der Mikroskopie leisten: spezialisiert, interdisziplinär und aus konkreten Laborprozessen heraus entwickelt.